Familiennachzug? Denkt nochmal nach!

2 Grad über Null, Nebel wabert im Garten. Noch ein bisschen kälter und die Feuchtigkeit würde die Äste von Büschen und Bäumen mit silbrigem Raureif überziehen. Es ist ungemütlich draußen.
Noch ein Stück Holz in den Ofen und im Raum wird es kuschelig warm.

Gestern waren wir eingeladen. Eine Spontanbekanntschaft aus der B1-Prüfung Rulas, ein junger Syrer aus Bad Bevensen, hatte sie ausgesprochen – und wir waren spontan darauf eingestiegen.

Mohamed ist 28 Jahre alt, groß, kräftig und strahlt eine außergewöhnliche Gemütlichkeit aus. Er stammt aus dem östlichen Syrien, aus Deir ez-Zor, einer seinerzeit von ISIS besetzten Region.
Als sie es dort nicht mehr aushielten, kam seine Frau mit ihrem 4jährigen Sohn und ihrer Familie in Kuweit unter und er machte sich auf den Weg nach Europa.

Eine Zwischenstation war der Libanon. Ein Jahr hielt er es dort aus und verdiente etwas Geld als Koch in einem Restaurant. Syrer haben es im Libanon nicht immer einfach, marodierende radikal-schiitische Gruppen machen ihnen das Leben schwer und stellen ihnen nach. Also musste er weiter – übers Mittelmeer… Irgendwann kam er in Deutschland an und wurde in Uelzen untergebracht. Hier fühlte er sich sofort sicher und wohl. Er mag die Menschen und die Natur unserer Region.

Seit einem Jahr lebt er nun in Bad Bevensen in einer 3-Zimmer-Wohnung. Sie wurde ihm angeboten und sie ist eigentlich viel zu groß für ihn allein. Aber man hatte damit gerechnet, dass seine kleine Familie im Rahmen des Familiennachzugs kurzfristig folgen kann. Der Nachzugsstop der Bundesregierung hat das dann zunichte gemacht.
Wirklich verstehen kann er das nicht, denn er hat nicht nur den subsidiären Schutz, sondern ist als Asylsuchender anerkannt und hat eine 3-jährige Aufenthaltsgenehmigung. Ändert sich am Familiennachzug nichts, bedeutet das schon jetzt, vier Jahre Trennung von Frau und Kind. Mindestens. Vertane Jahre – aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt…
Und so lächelt er bei unserem Gespräch darüber. Nur seine Augen werden plötzlich traurig. Sein Blick verschwindet nach Irgendwo, einen Augenblick ganz weit weg.

Wie hält man das aus? Mohamed lernt Deutsch. Und er schreibt ganz viel: „Ich habe das Schreiben lieben gelernt“. Collegblocks voll mit Vokabeln, Sätzen und kleinen Geschichten. Liebevoll und konsequent gegliedert, mit verschiedenen Farben für die Grammatik oder andere deutsche Sprachbesonderheiten; Seiten umrahmt mit bunten Ornamenten.

Er möchte gerne arbeiten, am liebsten eine Ausbildung zum Kranken- oder Altenpfleger machen – notfalls auch zum Koch. Aber Deutschland türmt auch hier hohe Hürden auf. Bisher galt ein erfolgreich abgeschlossener B1-Deutsch-Integrationskurs als Einstiegsvorraussetzung für das Berufsleben.
Neuerdings fordert die Berufschule B2. Welch ein Dummfug!

Gebt Menschen wie Mohamed etwas Sinnvolles zu tun, laßt sie doch einfach mal anfangen und schmeißt ihnen nicht einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine. Gebt ihnen ihre Familien, damit sie ein normales Leben führen können.
Mit B1 haben sie sich selbst eine gute Basis geschaffen, B2 können sie locker während oder mit der Ausbildung machen. Die Pflegeberufe suchen händeringend nach Arbeitskräften, Mohamed wäre eine Idealbesetzung…
Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während er den Tisch mit lecker zubereiteten syrischen Speisen füllt. Auch als Koch ist er wirklich Spitze, auch als Koch wäre er eine wertvolle Arbeitskraft in Deutschland.

Später machen wir uns, mit der Gewissheit einen neuen Freund gefunden zu haben, auf den Heimweg.
Er hat noch zu tun, will noch etwas schreiben. Ein neues Heft anfangen und es füllen mit bunten Wörtern, Sätzen und Geschichten.
Ein bisschen Farbe in ein graues Leben bringen… ein bisschen träumen…

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