Gibt die Hansestadt Uelzen ihre Hanseakten aus der Hand?- Ein Aufruf



(Autoren im Artikel)

Uelzen als Standort des Stadtarchivs in Gefahr

Am 16. Mai 2017 besuchte die Historische Arbeitsgemeinschaft des
Museums- und Heimatvereins des Kreises Uelzen das Uelzener
Stadtarchiv. Fast alle Mitglieder dieser Arbeitsgemeinschaft beschäftigen
sich intensiv mit der Geschichte des Uelzener Raumes
und publizieren die Ergebnisse ihrer Forschungen regelmäßig im
„Heidewanderer“ oder im „Heimatkalender“, aber auch in überregionalen
Veröffentlichungen. Einige von ihnen leiten zudem die Archive
etwa in Bad Bevensen, Bienenbüttel, Ebstorf und im Museumsdorf
Hösseringen. Frau Dr. Christine Böttcher, seit dem 1. März
2017 auf einer halben Stelle die neue Leiterin des Uelzener Stadtarchivs,
gewährte ihnen einen Einblick in ihre Arbeitsräume sowie
in das Magazin im Keller des Rathauses.
Die Mitglieder der Historischen Arbeitsgemeinschaft erfuhren bei
dieser Gelegenheit, dass die Stelle der Archivmitarbeiterin zukünftig
eingespart werden soll und es Überlegungen gibt, das Stadtarchiv
aufzulösen und seine Bestände aus Kostengründen an das Landesarchiv
in Hannover abzugeben.
Archive sind Einrichtungen, deren vorrangige Aufgabe die Erfassung,
Bewertung, Übernahme, Ordnung, dauerhafte Verwahrung
und Erschließung von Schriftgut, Bild- und Tonträgern sowie elektronischen
Speichermedien aus öffentlichen Dienststellen, anderen
Institutionen oder auch Einzelpersonen ist. Die Verwahrung von Unterlagen
ist notwendig, um Rechtsansprüche klären und die Kontinuität
des Verwaltungshandelns sichern zu können. Als weiteres
werden Unterlagen gesammelt, die wichtige Informationen über
Ereignisse oder Zustände der Vergangenheit liefern. Als wichtige
historische Quelle müssen sie unbegrenzt aufbewahrt werden. In ein
Archiv überführtes Schriftgut wird zu Archiv- und damit zum Kulturgut.
Archivgut enthält wesentliche Informationen, die zur kulturellen
Identität und politischen Standortbestimmung beitragen. Archivgut
entsteht normalerweise nur einmalig, so ist z. B. eine Akte
der städtischen Behörde nur im dazugehörigen Stadtarchiv verwahrt.
Das Stadtarchiv aus Kostengründen aufzulösen und seine Bestände
an das zuständige Niedersächsische Landesarchiv abzugeben, kann
aus mehreren Gründen keine Lösung sein: Es ist das kulturelle Gedächtnis
unserer Stadt. Eine Kommune entscheidet selbst über ihre
Überlieferungsbildung und bietet ihren Bürgern ausreichend Möglichkeiten,
sich über die historische Entwicklung ihrer Heimat zu
informieren. Hier finden Wissenschaftler das Material für ihre Forschungen.
Archive sind wichtiger Bestandteil des demokratischen
Selbstverständnisses. Ein Archiv ist ein außerschulischer Bildungsstandort
für Schüler, aber auch für ältere Generationen, die sich dort
über die Arbeit im Archiv informieren, erste Formen wissenschaftlichen
Arbeitens vermittelt bekommen und natürlich über Regionalgeschichte
lernen können.
So sind beispielsweise die im Stadtarchiv verwahrten Personenstandsregister
nicht nur für Familienforscher äußerst wichtig und bei
erbrechtlichen Fragen mitunter von großer Bedeutung, sondern allgemein
von Wichtigkeit. Diese Akten zum Beispiel aus unserer
Stadt wegzugeben, wäre eine erhebliche Erschwerung der Forschung
über ehemalige Bewohner unserer Stadt.
Zwei weitere Beispiele mögen zeigen, welche historischen Dokumente
die Bürger der Stadt Uelzen bei einer Verlegung der Archivalien
in die Zweigstelle Stade des Niedersächsischen Landesarchivs
am Ende aus der Hand geben. 2016 hat Uelzen offiziell den Titel
einer modernen Hansestadt verliehen bekommen. In unserem Antrag
dafür an das Niedersächsische Innenministerium haben die originalen
Akten des Uelzener Hansetages von 1470, die im Stadtarchiv
Uelzen aufbewahrt werden, eine wichtige Rolle gespielt.
Sicher wird Uelzen Hansestadt bleiben, wenn das Stadtarchiv seine
Bestände an Stade abgeben müsste, aber ist es richtig, dass die
Verwaltung der Stadt die Uelzener Hanseakten aus der Hand geben
will? Ist ihr Inhalt nicht inzwischen Teil unseres städtischen Selbstverständnisses
geworden?
Und das andere Beispiel: Nach dem letzten Krieg sind die originalen
Aufzeichnungen des Uelzener Ratsherrn Tile Hagemann nach
einem abenteuerlichen Schicksal durch den Einsatz des damaligen
Stadtarchivars Dr. Erich Woehlkens wieder in das Stadtarchiv Uelzen
zurückgekehrt. Sie schildern das ganze städtische Leben Uelzens
am Ende des 16. Jahrhunderts. Sie sind voller Nachrichten
über die Uelzener Stadtgeschichte, keine andere Stadt in Deutschland,
so hat es die Forschung gezeigt, besitzt eine ähnliche Quelle
für die Frühe Neuzeit. Will der Stadtrat auch diese unvergleichliche
Handschrift mit ihren 1300 Seiten aus Uelzen weggeben?
Viele weitere Bestände könnten genannt werden, auf die die Uelzener
dann nur noch mit großen Umständen zugreifen könnten. Es
mag mit diesen drei Beispielen genügen.
Die Mitglieder der Historischen Arbeitsgemeinschaft des Museumsvereins appellieren zusammen mit besorgten Bürgern
der Stadt an den Bürgermeister, die Verantwortlichen in der Verwaltung sowie vor allem die Mitglieder des
Stadtrates, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein und dafür zu sorgen, dass Uelzen auch in Zukunft ein Stadtarchiv
unterhält, das räumlich und personell angemessen ausgestattet ist und einer Stadt, die den Anspruch hat, Hansestadt
sein zu wollen, würdig ist.
Eberhard Behnke, Bargdorf · Dieter Boe · Friedrich Brüning · Dr. Dr. Else und Prof. Dr. Werner Fricke, Emern · Uwe Harnack · Horst Hoffmann ·
Gabri Machini-Warnecke · Dr. Gunther Schendel · Manfred Schmidt, Ebstorf · Dr. Ulrich Schröder, Clenze · Dr. Hans-Jürgen Vogtherr · Tino
Wagner, Bad Bevensen · Angelika und Dr.-Ing. J. Wilhelm Weber · Wilhelm Westermann, Buchholz

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