Zuwanderung und Flüchtlinge



Auch wenn die Zahlen von 2013 sind, so zeigt der aktuelle Migrationsbericht doch deutlich: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Per Saldo kamen 2013 rund 430.000 Menschen nach Deutschland, von denen die Hälfte länger als ein Jahr blieb. In die Statistik fällt der ausländische Studierende ebenso wie diejenigen, die nach Deutschland kommen, um dauerhaft hierzubleiben. Dass diese Zahl sinken wird, ist vor dem Hintergrund der (noch) nicht erfassten Flüchtlinge aus Syrien oder den Auswirkungen der freien Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen und Bulgaren sehr unwahrscheinlich. Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2014 legen dies nahe.

Die sich an diese Zahlen anschließende politische und öffentliche Debatte vermischt jedoch wirtschaftliche, humanitäre, juristische und auch ideologische Aspekte zu einem Amalgam, das weder an Lösungen der entstehenden Probleme, den Zuwanderern und Flüchtlingen selbst oder gar an den Ursachen der Wanderungsbewegungen interessiert zu sein scheint. Bleibt doch als erstes festzuhalten: Menschen kommen nach Deutschland, weil sie sich hier ein besseres Leben erhoffen, sei es die Freiheit vor Krieg oder Verfolgung, sei es auch „nur“ (mehr) Wohlstand.

Die Unterscheidung in „gute“ Zuwanderer, also Flüchtlingen vor Krieg und Verfolgung, und „schlechten“ Zuwanderern, sogenannten „Wirtschaftsflüchtlingen“, beinhaltet folglich eine Wertevorstellung von „guten“ und „schlechten“ Motiven. Eine solche Trennung der Motive ist vor dem Hintergrund des Zusammenhangs von Krieg(en), Verfolgung und wirtschaftlicher Situation in vielen Herkunftsländern schwer aufrecht zu erhalten.

Einer Einordnung der Zuwanderer nach „Nützlichkeit“ für Deutschland und seine Wirtschaft (Stichwörter: demografischer Wandel, Fachkräftemangel) vernachlässigt hingegen den humanitären Aspekt, Menschen in Not bedingungslos zu helfen. Eine juristische Einordnung in Asylbewerber (aus sicheren und unsicheren Herkunftsländern) oder (erwünschten) Zuwanderern bleibt folglich stets zwiespältig.

Dies umso mehr, als Deutschland als Wirtschaftsstandort und wir alle als Verbraucher von den Ursachen von Flucht und Zuwanderung profitieren: billiges Öl aus diktatorischen Staaten, Waffenlieferungen in (fast) alle Länder der Welt, billige Textilien, die für Hungerlöhne für uns zusammen genäht werden, Rosen aus Kenia bis hin zu (gut gemeinten) Hilfslieferungen von Lebensmitteln und Bekleidung, die jedoch die lokalen Märkte kollabieren lassen. Das Phänomen, dass gerade die gut Ausgebildeten und Hochqualifizierten ihr Land verlassen, ist seit vielen Jahren unter dem Begriff brain drain bekannt und hemmt ebenfalls die Entwicklung in den Herkunftsländern.

Mit anderen Worten: Die Diskussion um Flüchtlinge und Zuwanderung auf ein Problem ihrer Steuerung zu reduzieren, greift deutlich zu kurz. Leider geschieht genau dies im Moment. Ein Ansatz, der sowohl die Herkunfts- als auch Zielländer umfasst, scheint völlig aus dem Blick geraten. Komplexe Probleme in einer komplexen, globalisierten Welt bedürfen jedoch komplexer Lösungen bzw. Lösungsansätze. Damit – so scheint es – sind jedoch zurzeit keine Wähler zu gewinnen. Leider.

Die Kolumne von Prof. Dr. Arnd Jenne, zuständig für Handelsmanagement an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Suderburg berichtet über aktuelle Projekte aus Handel und Logistik.

Titelfoto (historisch): Grenzgänger überqueren die Grüne Grenze. Foto Bundesarchiv, Bild 146-1977-124-06

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