Ein schwarzer Tag für Bodenteich…

Von dem schönen alten Bahnhof blieb nur ein 70 Meter breiter Krater übrig.

Rückblick auf die Explosionskatastrophe am 25. März 1945

So ziemlich genau auf den Tag vor 75 Jahren ereignete sich im heutigen Bad Bodenteich die wohl schwerste und folgenreichste Katastrophe in der langen Geschichte des Fleckens.
Dazu erschien in der Ausgabe 42 des „Der Bodendiker“, im März 2011, ein Bericht von Helmut Müller (ehem. Herausgeber und noch heute verantwortlicher Redakteur des Magazins), der hier ungekürzt wiedergegeben wird:

„Obwohl die Geschehnisse von damals in den verschiedensten Berichten und Veröffentlichungen in der Vergangenheit weitgehend aufgearbeitet wurden, halten wir es dennoch für sinnvoll, dieses tragische Geschehen noch einmal in Wort und Bild festzuhalten; ebenso die Aussagen von Zeitzeugen, die am Schluss dieses Berichtes zu Wort kommen werden. Es ist ja nur eine Frage noch von Jahren, dann leben diese Bodenteicher Bürger nicht mehr, die das noch bewusst miterlebt haben und können nicht mehr davon berichten. Hierfür Schriftliches zu haben, ist Aufgabe und Anliegen dieses Artikels. Im Übrigen hat sich auch der Förderkreis Burg in diesem Jahr dieses Ereignisses mit einer seiner bestens vorbereiteten, sehenswerten Ausstellung angenommen.

Das Kolonialwarengeschäft von Christoph Brockelmann, gegenüber vom Gasthaus Behn, wurde komplett zerstört.

Allen befragten Zeitzeugen ist eines in guter Erinnerung geblieben: Es ist ein milder, sonniger Vorfrühlingstag gewesen, dieser Sonntag, der 25. März 1945. Der Krieg hatte Bodenteich bisher in fast wundersamer Weise verschont – abgesehen natürlich von den in Kampfhandlungen Gefallenen -, und wenn nicht irgendwo im Wald versehentlich ein paar Bomben gefallen wären, man hätte von fast friedlichen Zeiten sprechen können.

An den Krieg wurde man aber dennoch erinnert, schließlich gab es auch neben den Gefangenen und kriegsverpflichteten Arbeitern Bodenteicher Zivilkräfte, die in der nahgelegenen Muna beschäftigt waren. Denn dort wurde seit Jahren Munition im Endstadion gefertigt. Die Kartuschen unterschiedlichsten Kalibers wurden mit Pulver gefüllt und sozusagen verwendungsfertig gemacht. Sowohl dieses dazugehörige Material als auch die fertigen Granaten – gelagert in den seinerzeit zahlreichen Bunkern innerhalb des Geländes – wurden über eine weitverzweigte Gleisanlage mit Anbindung an den Bahnhof mit der Reichsbahn befördert.

Einer dieser Waggons, beladen mit hochexplosivem Pulver, stand an diesem Vormittag auf dem Gleis, ganz in der Nähe des Bahnhofsgebäudes. Es war zwar Sonntag, dennoch herrschte auf dem Bahnhofsgelände reges Treiben: Vieh wurde verladen und Kartoffeln im nahen Kartoffelbunker angeliefert, viele Bauern aus der Umgebung waren mit ihren Gespannen auf dem Gelände.

Rangierarbeiten am alten Bahnhof zu Ende des Krieges vor der Explosion.

Albert Brunhöfer, Inhaber des Gasthauses Behn am Bahnhof, sah eine große Gefahr in dem stehenden Munitionswaggon. Er wollte Abhilfe schaffen, indem er aus der kleinen Telefonzelle innerhalb seines Hauses mit den zuständigen Stellen telefonischen Kontakt aufnahm. Dies entsprach seinem Verantwortungsbewusstsein als langjähriger, erfahrener Feuerwehrführer. Als Gefährdungsmoment kam noch hinzu, dass auf dem Saal neben seinem Gasthaus am frühen Nachmittag eine von der Partei organisierte Jugendveranstaltung stattfinden sollte.

Dazu kam es jedoch nicht mehr. Um 11.10 Uhr brach das Unglück über Bodenteich und seine Menschen herein. Mit unvorstellbarer Wucht explodierte der Waggon und die entfesselten Kräfte schleuderten Eisenteile, Zementbrocken, Waggonräder und -achsen in den Ort und richteten verheerende Schäden an. Zahlreiche Menschen waren sofort tot, einige starben bald darauf an ihren schweren Verletzungen. Eine große Anzahl der Verletzten drängte sich blutend vor der Arzpraxis von Dr. Jakob (heute Zahnarztpraxis Dr. Korden), um ambulant behandelt zu werden.

61 Tote wurden identifiziert und weitere, deren Identität nicht festgestellt werden konnte, wurden später in einem Gemeinschaftsgrab beerdigt. Die genaue Zahl der ums Leben gekommenen konnte nie exakt ermittelt werden, sie wurden auf über 70 geschätzt. Viele mit dem Leben davongekommenen erlitten Verletzungen unterschiedlichen Grades, abgerissene Gliedmaßen, eine völlige Erblindung (Frau Fey aus dem Triftweg, die im Augenblick der Explosion vor ihrem Schlafzimmerspiegel stand).

Der damalige Bahnhofsvorsteher war der Vater vom verstorbenen Rolf Weidner. Von ihm fand man nichts mehr außer seiner Dienstmütze.

Das Gasthaus Behn der Familie Brunhöfer wurde dem Erdboden gleichgemacht.
… nur noch das Kellergeschoss und einige Trümmer blieben vom Gasthaus übrig.

Ein besonders tragisches Schicksal erlitt die Familie Brunhöfer: Der spätere Bodenteicher Bürgermeister Albert Brunhöfer verlor seine gesamte Familie, Ehefrau, zwei Kinder und die Schwiegermutter. Ihn selbst fand man geraume Zeit später in der Telefonkabine zwischen Schutt auf dem Kopf stehend im Keller seines Hauses.
Zwölf Häuser in der näheren Umgebung waren total zerstört, weitere 161 erlitten mittlere bis schwere Schäden, bei fast allen sind die Fenster zu Bruch gegangen – selbst in den Dörfern der Umgebung zerbrachen noch die Scheiben. Achsen und Räder flogen durch die Luft und durchbohrten die umliegenden Häuser. Ein Rad landete auf dem Grundstück der Tischlerei Lühmann in der Neustädter Straße, und selbst in den Seewiesen hat man später noch schwere Eisenteile gefunden.

Wo einst das ehemalige Bahnhofsgebäude stand, befand sich nunmehr ein Krater von ca. 70 Metern Durchmesser.

Der Bauernhof von Eggersglüß (auf der anderen Seite der Bahn) brannte als einziges Gebäude und wurde von der Bodenteicher Feuerwehr gelöscht; ansonsten aber war rund um den Bahnhof nur noch eine Trümmerwüste – wie nach wirkungsvollem Artilleriebeschuss.

Dieses Foto von historischem Wert wurde kurz nach der Explosion von einem englischen Luftaufklärer geschossen und zeigt – der weiße Fleck in der Bildmitte bezeichnet die Stelle, an der einst das Bahnhofsgebäude stand – die ungeheuren Schäden dieser Explosion.

Da man noch weitere Detonationen befürchtete, wurde gesagt, man solle zum Schutz in die Seewiesen gehen. Derweil wurden die Toten zur vorläufigen Aufbewahrung in die Kirche gefahren, viele von ihnen waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Genügend Särge waren auch nicht vorhanden, so dass diese extra von Uelzen herbeigeschafft werden mussten. Diese Särge wurden dann vor der Beerdigung auf dem Leinenberg aufgestellt.

Ein paar Tage später war die große Beerdigung auf dem Friedhof, die von den lächerlichen Parteigrößen zu ihrem letzten widerlichen Auftritt genutzt wurde. Als im Anschluss der Trauergottesdienst in der Kirche stattfand, marschierten die Bonzen alle am Gotteshaus vorbei – nur kein Zeichen von Trauer und Demut!

Die Bodenteicher brauchten viele Jahre, bis die Wunden dieser Katastrophe heilten und die vielen Schäden einigermaßen beseitigt waren. Über die Ursache der Explosion hat man nie endgültige Klarheit schaffen können. Die Vermutung von einem Sabotageakt hielt sich lange, konnte aber nie erhärtet werden. Wahrscheinlicher ist, dass das gegen jede Sicherheitsvorschrift offen in Kisten gelagerte Beutepulver aus Polen durch Funkenflug oder andersgeartete Entzündung zur Explosion kam.

Eine Begleiterscheinung dieser Katastrophe noch am Rande: Fremdarbeiter der Muna wurden für die Aufräumarbeiten eingeteilt. Trotz der deutlichen Warnung vor Plünderungen haben sich zwei dieser Arbeiter nicht daran gehalten und stahlen Kleidungsstücke aus den zerstörten Häusern. Dem damaligen Rechtsterror entsprechend wurden beide von einem Bodenteicher Polizeibeamten erschossen und zur Abschreckung an einer Linde in der Bahnhofstraße aufgehängt.
Wenige Tage nach dem schrecklichen Geschehen durchbrachen Russen und Amerikaner alle Fronten und rückten auf deutschen Boden vor, für Bodenteich endete der Krieg knapp einen Monat später am 16. April 1945 durch den Einmarsch der Engländer.

Pfingsten 1958: Die Gilde marschiert die Bahnhofstraße hinunter, vorbei am Trümmergrundstück des ehemaligen Gasthauses Brunhöfer heute Pieper.
Im Hintergrund das kleine Gebäude, welches während des Wiederaufbaus des Bahnhofs als Behelfs-Fahrkartenausgabe diente.

In den darauf folgenden Jahren waren die Bodenteicher vollauf mit der Beseitigung der Schäden ausgelastet, dazu kamen die unendlich vielen Flüchtlinge und die einmarschierenden Engländer, die im Ort und in der Muna untergebracht werden mussten – aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Tatsache ist, dass zu Beginn der Fünfziger Jahre über das Thema Munitionskatastrophe trotz der zeitlichen Nähe nur noch sehr wenig gesprochen wurde. Man schaute vorwärts, denn die zu bewältigenden Probleme und Aufgaben waren überaus groß. ➲
1957 wurde auf dem Friedhof eine Ehrenstätte für die Opfer der Katastrophe eingeweiht. Diese aus 36 Gräbern in zwei Reihen bestehende Gedenkstätte wird weiterhin gepflegt und ist für alle Erinnerung und Mahnung zugleich an die schlimmste Zeit, die Bodenteich je erleben musste.

Das kurz nach dem Kriege auf dem Gartengelände der Gärtnerei Lüthe errichtete Behelfswohnheim der Familie Lattner (Tochter Christel, verh. Rehse). Es wurde mit den Steinen des bei der Explosion zerstörten Gilde-Schießstandes errichtet.

Zeitzeugen

Herbert Niebuhr (†)

„Ich saß auf dem Trittstein vor unserer Haustür und beobachtete die vorbeiziehenden Flüchtlingstrecks mit Pferd und Wagen.
Es war ein trauriger Anblick.
Die Explosion habe ich sowohl als Knall, aber viel stärker als Druckwelle wahrgenommen.
Das große Scheunentor (in der Schulstraße, jetzt abgebrochen) wurde herausgerissen und lag
zerschmettert auf dem Leinenberg.
Ein bei uns arbeitender Belgier nagelte sogleich unsere Fenster zu.
Wir mussten, zu unserer Sicherheit, wie gesagt wurde, anschließend in die nahen Seewiesen gehen.“


Ernst Beese (†)

„Ich war 1945 16 Jahre alt und wohnte mit meinen Eltern im Schulgebäude in der Schulstraße.
Kurz vor der Explosion war ich mit dem Fahrrad unterwegs aus Richtung Bergstraße kommend und habe den Zug noch auf den Geleisen stehen sehen. Ich wollte nach Hause und auf der Höhe des Mühlenteichs erlebte ich den Knall, vielmehr jedoch die gewaltige Druckwelle, ich wäre fast samt Fahrrad ins Wasser gefallen.

Selbst trug ich durch einen Splitter leichte Verletzungen davon, auch Georg Blome (Vater von Erika, verh. Domenz) wurde verletzt und verarztet. Mein Vater, der ebenfalls auf dem Nachhauseweg war, trug leichte Verletzungen davon.
Unser altes Schulgebäude, in dem zu der Zeit noch die Flüchtlingsfamilien Gollnik und Kolander wohnten, hatte erheblichen Schaden erlitten.“


Horst Herold

„Am Sonntagvormittag hörten wir Fliegeralarm, wir waren gerade beim Anziehen.
Der Sohn des Molkereiverwalters, Willi Schulz, sollte konfirmiert werden und wir waren eingeladen.
Da erfolgte die Explosion, fast ohne Knall, aber mit einem unglaublichen Druck. Eine Achse mit Rädern war durch unser Dach durch alle Balken geflogen und am Giebel hängengeblieben. Die Wände waren zerstört und insbesondere die jeweiligen Westgiebel der Häuser in der Bahnhofstraße danach mehr oder weniger kaputt.
Eine Frau in unserem Hause verlor einen Arm, ein Mann sein Bein. Letzterer ist darauf im Uelzener Krankenhaus gestorben. Viele Verletzte, auch unser Opa, wurden erstmal auf Handwagen in die Seewiesen geschoben, im Dunkeln dann wieder zurück – eine äußerst beschwerliche Arbeit.

Ein schlimmer Vorfall am Rande: Trotz Warnung vor Plünderungen haben sich zwei Tschechen nicht daran gehalten. Sie wurden vom Polizisten Dunker und vom Orts-Parteimann Willi Schulz (Molkereiverwalter) nach dem damaligen Rechtsstatus abgeführt und kurzerhand zur Abschreckung an einer Linde in Bahnhofsnähe aufgehängt.
Wer den Tod der beiden zu verantworten hat, ist nicht geklärt. Die Engländer jedenfalls nahmen sowohl Dunker als auch Schulz später fest und steckten sie für Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Rückkehr hat sich Dunker dann das Leben genommen.
Die Häuser wurden in der Folge notdürftig geflickt, und es dauerte Jahre, bis die Schäden einigermaßen behoben waren.“


Erika Bode, geb. Gade

„Die Explosion erlebte ich auf meinem elterlichen Grundstück in der Neustädter Straße, ähnlich wie alle anderen auch.
Mein Bruder Willi befand sich zur Verladung auf dem Güterbahnhof. Er wurde vermisst und nach einer Weile unter Schutt gefunden; er erlitt einen Schädelbruch, an dem er sein Leben lang zu leiden hatte.
Ein besonderes Ereignis ist mir allerdings haftengeblieben:
Am 14. Februar 1945 fuhr ich mit dem Zug von Uelzen nach Bodenteich. Kurz vor dem Wierener Bahnhof wurden wir von einem Flugzeug im Tiefflug angegriffen, der auf unseren Triebwagen schoss. Ich kauerte mich auf den Boden und musste miterleben, wie viele Fahrgäste verletzt und getötet wurden. So in meiner Erinnerung ein Offizier der Muna und seine Sekretärin. Auch der Sohn vom damaligen Sparkassenleiter Hermann Henke verlor bei diesem Angriff das Leben. Ich selbst bin wie ein Wunder unverletzt geblieben.


Helmut Müller, Bad Bodenteich

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