Die „Wilhelm-Matthies-Schule“ am Gänsekamp

Warum es in fast jedem noch so kleinen Dorf eine Schule gibt, warum Suderburg sogar mehrere hat – und warum eine davon vor der Abrissbirne gerettet werden muss…

In jeder noch so kleinen Schule, werden seit jeher die Weichen für Bildung und Ausbildung der nachwachsenden Generationen gestellt. Nur mit dieser Bildung kann eine Gesellschaft sich weiter entwickeln und die Zukunft ihres lokalen Gemeinwesens gestalten.

Das wußten natürlich auch die Menschen früher und so sorgten sie dafür, dass ihr Nachwuchs zumindestens ein bisschen der notwendigen Grundbildung erhielt.

In Ermangelung der heutigen Mobilität und eines funktionierenden Nahverkehrs war man gezwungen, diese Bildung vor Ort anzubieten, in dorfeigenen Schulen. Den Kindern unterschiedlichster Jahrgänge stand meist nur ein Raum zur Verfügung, in dem der Rohrstock für Ruhe und Disziplin sorgte…

490 Jahre Schulen in Suderburg

Die Geschichte der Dorfschulen in Suderburg kann bis ca. 1530 zurückverfolgt werden. Zu dieser Zeit wurde der erste evangelische Pfarrer eingesetzt; er war für den an den Wochenenden stattfindenden Unterricht zuständig, der entsprechend religiös geprägt war.
Unter der Woche fand kein Unterricht statt, weil die Heranwachsenden auf den Höfen und im Handwerk helfen mussten. Bildungsbegeisterung war lange Zeit wirtschaftlich begrenzt.

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts wandelten sich unsere Schulen zu „Küsterschulen“, gefördert durch die Dannenbergische Schulordnung von 1692. Sie sah vor, dass alle Kinder zwischen dem sechsten Lebensjahr und der Konfirmation einen geregelten Unterricht erhalten sollten. An den Kirchenstandorten übernahmen diesen Unterricht die Küster, in entlegenen Dörfern wurden Lehrer dafür eingestellt.

Anfang des 19. Jahrhunderts begann man, Schulstandorte zusammenzulegen. Den Anfang machten bei uns Oldendorf I und Suderburg, die 1855 ihre erste gemeinsame Schule fertigstellten.
In ihren Räumen war bis 1898 auch die Wiesenbauschule untergebracht, deren Lehrer die Schüler beider Schulen unterrichteten.

Im Grunde genommen waren damit schon die Weichen für den späteren zentralen Schulstandort in Suderburg gestellt, denn Suderburg und Oldenburg I hatten das größte Einzugsgebiet innerhalb der heutigen Gemeindegrenzen.

Mehr Schüler machte größere Schulen notwendig. Und so wurde 1908 das vierklassige Schulgebäude im Gänsekamp (Titelfoto) gebaut. Hier sollten nun Kinder aus vier Orten unterrichtet werden, aus Suderburg, Oldendorf I, Hamerstorf und Suderburg Bahnhof.

Die Schule am Gänsekamp: „Werk“ eines niedersächsischen Architekten und Künstlers…

Die neue Schule sollte aber nicht nur eines der üblichen Zweckgebäude erhalten, sie sollte sich mit dem Anspruch eines zentralen Standortes auch optisch von den „normalen Schulen“ abheben. Und so ließ man das Gebäude von dem namhaften Architekten und Künstler Wilhelm Matthies (*1867 †1934) entwerfen und bauen.

Matthies war Gründungsmitglied der Vereinigung niedersächsischer Künstler »Die Heidjer«, Gründungsmitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA), Mitglied der »Bauhütte zum weißen Blatt« in Hannover und Gründungsmitglied der Vereinigung Nordwestdeutscher Künstler. Er gehörte, genau wie sein Bruder Hermann und ihr Lehrer Professor und Baurath Conrad Wilhelm Hase, zu einer Gruppe Architekten und Künstler, die Kunst und Architektur im „Heimatstil“ vereinten.

Bis zu ihrem Tode schufen sie viele Zweck-, Wohn- und Geschäftshäuser, von denen viele unter Denkmalschutz stehen.
Das Suderburger Schulgebäude war das 19. der 39 bekannten Werke von Wilhem Matthies.

Die Schule arbeitete erfolgreich und entwickelte Sogwirkung: Der Schulverband erweiterte sich um die Orte Graulingen, Bahnsen, Räber und Hösseringen. 1956 musste deshalb – quasi nebenan – auf dem Gelände des alten Friedhofs in Suderburg ein umfangreicher Neubau errichtet werden.

Eingangsbereich der neuen „Mittelpunktschule“ Suderburg von 1956.
Ursprünglich waren Treppe und seitliche Mauern mit Feldsteinen gemauert. In den 70er Jahren wurden die Steine der Treppe durch Waschbeton ersetzt.
Foto: suderburg-damals.de

112 Jahre im Dienst der Kinder- und Jugendarbeit…

Das alte Schulgebäude am Gänsekamp wurde aber auch nach dem Umzug für die Kinder- und Jugendarbeit genutzt:

Nachdem der Bereich Vorschule 2002 in die Arbeit der Kindertagesstätten eingegliedert wurde, wurde das Haus zum Jugendzentrum umfunktioniert. Später beherbergte es die altershomogenen Gruppen des Kindergartens.
Jetzt könnte das Haus zur Heimat zweier Krippengruppen des Kindergartens werden. Foto: suderburg-damals.de

Es fällt schwer sich vorzustellen, dass es Menschen gibt, die es einem Container-Zweckbau opfern wollen…

Der Bau- und Wegeausschuss tagt zu diesem Thema am:
Montag den 28.09.2020,
um 15.00 Uhr
(um diese Uhrzeit hat fast jeder Zeit…)
im Gasthaus Dehrmann, Bahnsen


Die Suderburger haben schlechte Erfahrungen gemacht:

Der Eingangsbereich der heutigen Oberschule, mit den danebenliegenden Klassenzimmern gehörte zum ursprünglichen Schulgebäude. Im Laufe der Jahre wurde es in mehreren Abschnitten bis auf die heutige Form und Größe erweitert.

Im Februar 2018 wurde der Eingangsbereich der Oberschule, quasi per „Nacht und Nebelaktion“, durch den Schulbetreiber (Landkreis Uelzen) mit einem Betonbauwerk verunstaltet. Eine Baugenehmigung brauchte der nicht, der Suderburger Rat war nicht beteiligt, die Öffentlichkeit nicht informiert…

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1 Kommentar

  1. Silvia Liedtke Antworten

    Sehr gut und informativ geschrieben, gerade für Menschen die nicht aus
    Suderburg stammen.

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