Die Mauer in Suderburg



(AP) Am 3. Oktober ist der Tag der Deutschen Einheit. Am 9. November 1989 verschwand die Mauer, die seit August 1961 die beiden Teile Deutschlands trennte. Das der Mauerbau damals auch an Suderburg nicht spurlos vorbeiging, erzählt an dieser Stelle Gerhard Müller:

Wenn ich jetzt mit dem Auto in Suderburg unterwegs bin, versuche ich immer den optimalen günstigen Weg von A nach B zu nehmen. So wie damals, als die Studenten in Suderburg eine Mauer errichtet haben, und keiner mehr von Ost nach West über die Hauptstraße konnte.

Was war passiert? Studenten der hiesigen Wiesenbauschule der Staatlichen Ingenieurschule für Wasserwirtschaft und Kulturtechnik, haben in einer Nacht- und Nebelaktion eine riesige Mauer quer über die Hauptstraße errichtet. Aus Protest gegen die Teilung Deutschlands und den Mauerbau in Berlin. Sie wollten der Bevölkerung vergegenwärtigen, wie es ist, wenn ein Ort durch eine Mauer getrennt ist.

Dazu wurden große Leca-Betonsteine von einer nahe gelegenen Baustelle kurzerhand ausgeliehen. Ort des Geschehens war die Hauptstraße gegenüber der jetzigen Polizeidienststelle.

Erni Schulenburg hat den Studenten dabei tatkräftig geholfen, und mit dem Mercedes-LKW der Firma Albert Schulz (Pannschulz) die Betonblöcke herangeschafft. Das geschah mitten in der Nacht, und kaum ein Suderburger hat etwas davon bemerkt.

Die Betonblöcke wunden vom LKW gereicht und zu einer 13 Meter breiten und 2 Meter hohen Mauer aufgetürmt. Als Abschluß dieses Bauwerks wurde oben Stacheldraht gerollt, der dieser Mauer ein authentisches Aussehen gab.

Mauerbau020Warum das alles?

Die Bevölkerung war besorgt, weil die damalige Zonengrenze für Flüchtlinge immer undurchdringlicher wurde. Keiner wußte, wie es mit dem geteilten Deutschland weiter gehen sollte und das rief eine Menschenrechtsbewegung auf den Plan. Es gab Kundgebungen in Ebstorf, Uelzen, Bevensen und in Bodenteich. Dort sprachen Menschenrechtler, Kommunalpolitiker und Landtagsabgeortnete aller Couleur. Alle großen Parteien schlossen sich zu einem Kuratorium unteilbares Deutschland zusammen und riefen die Bevölkerung auf, für ein Vereinigtes Deutschland einzutreten.

Auch in Suderburg tat sich am 17. Juni 1965 etwas, die Suderburger Bevölkerung staunte frühmorgens nicht schlecht beim Anblick dieser Mauer, denn wir kannten sie ja nur aus dem Fernsehen.

Auf beiden Seiten der Mauer stand ein Student und erklärte den erstaunten Suderburgern ihren Sinn und Zweck, und gaben natürlich auch Tipps zur Umfahrung. Die spontane Protestaktion hielt fast 20 Stunden an. Am späten Abend des 17. Juni sammelten sich dann die Suderburger, um diese Mauer gemeinsam einzureißen. Um 20.30 Uhr starteten zwei Schweigemärsche durch Suderburg, unterstützt von Freiwilliger-Feuerwehr, Kyffhäuserkameradschaft, und der Burschenschaft-Erika, die zu diesem Protestmarsch aufgerufen hatten.

Eine Gruppe sammelte sich vor dem Kaffee Müller am Bahnhof und die andere vor dem Gasthaus von Theodor Dehrmann (heute Ericahaus) an der Kirche. Von hier aus zogen sie mit Fackeln durch den Ort und versammelten sich von Ost und West vor der Mauer zu einer eine Kundgebung, fotografiert von Dr. Schwertfeger und Peter Matalla. Es wurde eine Ansprache gehalten und anschließend begannen alle gemeinsam die Mauer einzureißen.

Als Suderburg symbolisch wieder vereinigt war, sangen alle zum Abschluß das Deutschlandlied.

Damals gab es den Tag der Deutschen Einheit am 17. Juni, der auf die blutige Niederschlagung des Volksaufstandes 1953 in der DDR erinnern sollte. Dort mußten mehr als 55 Demonstranten mit ihrem Leben dafür bezahlen. Das ist schon eine ganze Weile her, und nur wenige können sich an die gemeinsame Aktion von Studenten und Suderburgern noch erinnern.

Gerhard Müller

Mauerbau030

Fotos: Udo Thissen, Christel Beplate-Haarstrich.

Print Friendly, PDF & Email

1 Kommentar


alore
10/05/13

Nun ist der Artikel so richtig rund und mein Kalender zu. damals wieder justiert. Ich wusste nur noch, dass es warm und länger hell war. Es war eine beeindruckende und aber auch auf mich verstörend wirkende Aktion. Wir können wieder passieren. Aber sonst?

Hinterlasse einen Kommentar zum Beitrag