Alleine und völlig auf sich selbst angewiesen: Vier Kinder im Krieg



Dringender Appell: Wir brauchen Ihre Unterstützung!

Pünktlich zur Ankunft der ersten Flüchtlinge, stand in Suderburg ein Helferkreis parat, der sich um die verschiedenen Belange der ankommenden Menschen kümmert. Initiert wurde das durch die Diakonie der Suderburger Kirchengemeinde. Die Arbeiten finden „unter ihrem Dach“ statt, was so ganz nebenbei praktische Dinge wie Versicherung, Spendenkonto etc. abdeckt. Gleichzeitig ist es aber eine offene Gruppe, an der sich auch viele Nichtkirchenmitglieder beteiligen.

Nach einer kurzen „Findungsphase“ hatten wir fast alle Probleme in der Abstimmung im Griff. Es wurden Gruppen für die verschiedenen Tätigkeiten gegründet, jeder hat sich dadurch in irgendeine Richtung spezialisiert. Die Arbeit läuft inzwischen reibungs- und geräuschlos und sehr professionell.

Die Suderburger Helfergruppe gilt im Landkreis als hocheffizient, lösungsorientiert, flexibel und unglaublich schnell. Das erfahren wir, in der Paten-/Betreuungsgruppe, täglich auf den Behörden, im Jobcenter, bei Ärzten und den Rettungsdiensten. Das ist eine Anerkennung für die ganze Gruppe, auf die wir zu Recht stolz sein können. Als i-Tüpfelchen verfügen die Betreuer inzwischen über einen Park-Berechtigungsausweis der Stadt Uelzen, der uns das Füttern der Parkuhren (und Verwarnungsgelder) bei den täglichen Einsätzen erspart. Danke dafür an die Stadt, die in dieser Angelegenheit superschnell und unkompliziert reagiert hat.

Das gilt übrigens auch für die Mitarbeiter/innen im Landkreis und im Jobcenter. Es ist unglaublich, wie flexibel, freundlich und unkompliziert sich der Umgang miteinander entwickelt hat. Selbst im größten Stress, bei den unmöglichsten Vorgängen, bleiben alle gelassen und höflich.

Nun aber zum eigentlichen Problem

(16.12.2015.) Ich betreue die syrische Ärztin Faten Hijazy und ihre 20-jährige Tochter Sara. Die beiden sind Ende September hier in Suderburg angekommen sind. Sie haben in Damaskus vier minderjährige Kinder/Geschwister zurücklassen müssen, weil sie sich die Flucht, alle gemeinsam, nicht zugetraut haben. Außerdem hieß es dort, dass Eltern ihre Kinder kurzfristig nachholen können – was nach geltendem Recht so stimmt.

Faten musste flüchten, nachdem es im Stadtteil ihrer eigenen Gynäkologie- und Geburts-Klinik täglich zu Kämpfen gekommen war. Sie versuchte Verletzten auf der Straße zu helfen und hatte mehrfach plötzlich Gewehrläufe am Kopf. Weil es die „falschen„ Verletzten waren.
Sie wurde dann regelmäßig von der Polizei verhaftet und hat wiederholt tageweise ohne Grund im Gefängnis gesessen. Neben den täglichen Bombardements des Stadtteils gab es Bedrohungen, Erschießungsandrohungen, einen Vergewaltigungsversuch an einem Kontrollpunkt. Irgendwann war die Angst zu groß.

Der Ehemann, ebenfalls Arzt, musste das Land aufgrund diverser Repressalien bereits vor 2 1/2 Jahren verlassen und versuchte vergeblich, in Saudi Arabien ein Bleiberecht zu bekommen. Zwischenzeitlich war er im Jemen und versucht nach dem Ausbruch des Krieges dort, nun erneut in Saudi Arabien unterzukommen. Eine Rückkehr nach Syrien ist für ihn unmöglich: Er wird entweder sofort erschossen oder landet im Gefängnis.

Die Situation der Kinder

Die vier Kinder sind 7, 13 (Zwillinge) und 16 Jahre alt. Sie leben, völlig auf sich selbst gestellt, in einem Haus am Rande von Damaskus. Eine Tante, die einzige Verwandte die sich noch im Land befindet, und eine ehemalige Zugehfrau, kümmern sich zeitweise um sie. Die Tante hat selber zwei kleine Kinder und ist mit der Situation völlig überfordert.

Der Stadtteil, der zum Zeitpunkt der Flucht noch als sicher galt, ist inzwischen von den Regierungstruppen eingeschlossen. Strom und Wasser gibt es nicht mehr, bzw. nur sporadisch. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist extrem schwierig und unglaublich teuer. Täglich gibt es Fassbomben- und Raketenangriffe. Marodierende Banden machen die Straßen unsicher. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung, Frauen und Mädchen können sich nicht mehr auf die Straße trauen. Der kleine Sohn wurde kürzlich auf der Straße von einem Mann angesprochen, in ein verlassenes Gebäude geschleppt, und konnte einem Vergewaltigungsversuch nur mit knapper Not entkommen.

In den Stadtteil sind Gruppen und Familien aus anderen Landesteilen eingewandert und haben verlassene Häuser requiriert. Die vier Kinder gehen nicht mehr zur Schule, weil sie dort von fremden Kindern angegriffen und verletzt wurden. Einer der Zwillinge hat sich mit einem Messer bewaffnet, weil er sich ohne nicht mehr auf die Straße traut. Er wurde gerade vor Kurzem von einer Bande Gleichaltriger blutig zusammengeschlagen.

Angst

Mit diesem Wissen leben Mutter und Tochter nun in Suderburg. Faten steht täglich am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nachdem sie erkennen musste, dass es keinen problemlosen, automatischen Nachzug ihrer Kinder gibt, hat es Wochen gebraucht, sie in unendlichen Gesprächen aufzubauen, sie zu trösten, ihr Kraft zu geben und das Vertrauen, dass sie nicht alleine ist. Ich habe ihr versprochen alles dafür zu tun, die Kinder schnellstmöglich aus ihrer fatalen Situation herauszuholen.

Den Kontakt zu ihnen hält sie per Handy. Skype als einziges Verbindungsmittel. Es ist unglaublich traurig, dabei in die Augen der Kinder zu sehen. Hoffnungs- und erwartungsvoll winken und lächeln sie in die Linse: Wann holst Du uns, wann können wir hier endlich weg…
Das sind die Momente die auch mich fertig machen. Wie muss es dabei erst einer Mutter gehen?…

Am vergangenen Samstag ist Faten mitten in Uelzen plötzlich zusammengebrochen. Atemnot, Panikattacke, Kreislauf weg…

Dienstag der nächste Anfall. In einem Telefonat mit den Kindern hat sie erfahren, dass in unmittelbarer Nähe ihrer Tochter eine Bombe hochgegangen (oder runtergekommen) ist. Wie durch ein Wunder blieb das Mädchen unverletzt. Aber wieviele Wunder kann es geben? Wann ist es soweit?

Nichts ging mehr: Völliger Zusammenbruch, ausrasten, Angstattacken, Notarzt, Rettungswagen, Krankenhaus…

Praktizierter Wahnsinn und traurige Wahrheit

Seit Wochen bemühe ich mich um den Nachzug der Kinder. Vorraussetzung ist die Anerkennung der Mutter. Die hat sie inzwischen – und damit das Recht die Kinder nachzuholen.

Also alles ganz einfach?
Man geht zur Ausländerbehörde und stellt einen Antrag. Der wird geprüft und den zuständigen Behörden übermittelt. Danach geht‘s weiter, immer geregelt, immer ordentlich deutsch.

Die Kinder müssen zum deutschen Konsulat und einen Antrag auf Ausreise stellen. Dummerweise gibt es in ganz Syrien kein deutsches Konsulat mehr…

Der einzige Ausweg ist nun die Reise ins Nachbarland, zum dortigen deutschen Konsulat. In diesem Fall ist das der Libanon, Beirut, und es wäre sogar irgendwie zu bewerkstelligen. Von dort hat man signalisiert, dass die Kinder kommen können. Irgendwann im Frühjahr.
Irgendwann im Frühjahr 2017 !!!

Ich habe mich vor Wochen an unsere Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann (SPD) gewandt. Sie hat sofort ihre Unterstützung zugesagt. Und sie hat reagiert. Pläne wurden geschmiedet und verworfen, Ämter befragt, Kontakte gemacht. Das gipfelte vor zwei Wochen in einem kurzen Treffen mit dem Aussenminister Frank-Walter Steinmeier, dem sie einen Brief mit Daten und Fakten überreichte. Er hat zugesagt die Angelegenheit zu prüfen.

Von anderer Stelle kam die Anfrage nach dem Alleinstellungsmerkmal bei der Angelegenheit…
Warum diesen Kindern helfen und anderen nicht? Diese Frage empfinde ich als zynisch. Sie führt in letzter Konsequenz dazu, überhaupt nichts zu tun. Denn es gibt ja meistens noch einen Fall, der gravierender ist…

Ein weiteres Zusammentreffen mit dem Minister war für den vergangenen Dienstag angesagt. Eine Fraktionssitzung, bei der mehr oder weniger – oder garnichts – besprochen werden konnte. Eine Rückmeldung liegt dazu derzeit noch nicht vor.

Das SPD-Büro ruft regelmäßig an, wir sind in Verbindung. Trotzdem bleibt das Gefühl: alles geht zu langsam, nichts bewegt sich wirklich. Politik ist das Bohren dicker Bretter… und wir haben doch keine Zeit.

Wir müssen was tun!

Deshalb wollen wir jetzt – unabhängig von der politischen Schiene – versuchen Druck aufzubauen: Unterschriften sammeln, die Medien einschalten…
Die Kirchengemeinde wird sich einschalten, ich werde versuchen unsere Lokalpolitiker und die Ostfalia-Hochschule vor Ort zu aktivieren – Tausende Suderburger Absolventen sind weltweit unterwegs. Wir brauchen sie jetzt alle als Unterstützer.

Wir können nicht die ganze Welt retten. Aber ich würde es gerne für Faten, Sara und die vier Kinder in Damaskus versuchen. Sie sind mir anvertraut, für sie fühle ich mich zuständig.
Jeden Tag passieren schreckliche Dinge in Syrien. Jeden Tag kann es eines der vier treffen. Uns läuft die Zeit weg…

Bitte unterstützen Sie uns und unterschreiben und verteilen Sie diesen Appell. Danke dafür.

Andreas Paschko

Update vom 19.12.2015, 1. Entführungsversuch

Vor drei Tagen hat es einen Entführungsversuch gegeben. Einer der Zwillinge war mit einem Freund unterwegs, als ein größeres, mit Soldaten besetztes Auto neben ihnen hielt. Sie stiegen aus, griffen sich gezielt den Jungen und versuchten ihn ins Auto zu zerren. Der Freund bewarf die Soldaten mit Steinen und erreichte damit, dass sie den Jungen kurzzeitig losließen. Beide konnten dann türmen.

Hintergrund: Im Stadtteil ist bekannt, das die Familie groß und weltweit verstreut ist. Die meisten von ihnen sind Ärzte und gutsituiert.
Entführungen, um Geld zu erpressen, gehören zur Tagesordnung. Wird nicht gezahlt, sind die Opfer tot. Wird gezahlt, sind sie es trotzdem meistens auch…

Update vom 20.12.2015: 2. Entführungsversuch

Am Folgetag des Entführungsversuches stand das selbe Fahrzeug, wieder mit Soldaten besetzt, an der Schule des Stadtteils. Dort befand sich der andere Zwilling – entgegen dem Verbot der Mutter. Beim Verlassen des Gebäudes versuchten die Soldaten den Jungen zu fangen. Er konnte in der Menge entkommen.

 

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1 Kommentar


HM
12/29/15

Lieber Andreas Paschko,

ich habe diese Informationen mit Erschrecken, Tränen und höchster Anerkennung gelesen. DANKE für Ihren Einsatz für diese Familie und ich hoffe mit aller Kraft, dass es für sie bald Erlösung aus dieser furchtbaren Situation gibt.

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